vier tote tauben

ich hatte noch nie durchweg angenehme schulwege. der jetzige führt mich durch ein industriegebiet. die strecke, die ich brauche, um durch diese zone zu fahren ist wahrscheinlich etwas länger als ein kilometer. links und rechts befinden sich kubische, sehr spartanische und zweckmäßige hallen. manche sind sehr lang, manche sind sehr hoch. auf den dazugehörigen weiten lagerflächen sieht man riesige berge von gut sortiertem schrott. der eine berg sieht aus, als wenn  röntgenpapier oder überdimensional große filme übereinander gestapelt würden. auf einem anderen platz lagern riesige haufen unterschiedlichen bodenbelags. feiner dunkler staub bis zu groben großen wackersteinen. wenn das wetter warm, die luft trocken ist und der wind geht, dann ist es besonders unangenehm, dort lang zu fahren. der feine staub gelangt in die augen und in den mund. außerdem wird man als radfahrer öfters von riesigen lastkraftwagen überholt, deren stinkende abgasluft einem ins gesicht flattert wie eine dicke angeschimmelte qualle. pferdefutter wird in der einen halle produziert. vor der halle hält ab und an ein großer zulieferer, der die rohasche, die dazugefügt wird, bringt. alles nichts besonderes, es handelt sich eben um die üblichen wege, die mir auf verschiedene weise unheimlich sind und an die düsteren seiten meiner vorstellungskraft appellieren. unterstützt wird so ein anstoß an meine ängstliche phantasie beispielsweise durch ereignisse, wie ich sie unlängst auf besagter strecke erlebte. mitten auf der industriestraße liegt eine tote taube. je öfter ich die strecke fahre, desto mehr einzelteile werden erkennbar. desto mehr federn lösen sich aus der toten zellmasse. die arme kleine taube wird zu einem immer ausgefleddertem breiterem fleck, den ich sorgsam ja nicht zu überfahren bedenke. nur wenige tage später befindet sich wieder eine neue taube auf der strecke. ich ärgere mich, dass mich das pech so kurz hintereinander einholt. doch das unschöne wunder hält an. einige tage danach sehe ich wieder eine tote taube. sie liegt diesmal nicht auf der straße sondern auf einem bürgersteig vor einem der industriegebäude. die taube kann noch nicht lange tot sein. ihr gefieder ist frisch und glänzend. das exemplar wirkte gesund und gut genährt. wenige meter wieder eine tote gesund aussehende taube, am straßenrand, direkt neben der bordsteinkante. aber auch das reicht noch nicht. im verlauf der kilometerstrecke sehe ich noch eine weitere. und dann später, als ich das industriegebiet passiert habe, ein kurzes stück später am main liegt noch eine tote taube auf der mainpromenade. ich frage mich, ob jemand diese tiere abgeschossen hat. eine komische vorstellung. aber was macht die vorstellung mit einem, der in seinem leben schon sehr viele bösartige menschen erlebt hat. ich halte die vorstellung dennoch für sehr abwegig. wer geht denn durch ein industriegebiet und knallt tauben ab... als ich von der schule gekommen bin, erwartete ich diesen bedrückenden anblick, weil ich trotz des morgentlichen schauerbildes denselben weg nach hause nahm, den ich hergefahren war. aber sie alle waren fort, sorgfältig entfernt.

17.5.07 21:21

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